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04.11.2025
IDWS6 – Eine Pflichtübung oder eine Chance?
Wenn mittelständische Unternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten und Unterstützung von Kreditgebern benötigen, wird oft ein Sanierungsgutachten nach IDWS6 benötigt. Banken sind zur Risikoüberwachung Ihrer Kreditnehmer verpflichtet, benötigen deshalb Transparenz und verlangen ein Gutachten, um die Fortführungsfähigkeit des Unternehmens prüfen zu lassen. Für viele Unternehmer wirkt dieses Gutachten nach vielen Jahren der guten Zusammenarbeit mit der Hausbank jedoch wie eine lästige Pflichtübung – ein formaler Schritt um Zeit zu gewinnen und den Kreditwunsch zu sichern.
Doch wer IDWS6 nur als notwendiges Übel betrachtet, verkennt das eigentliche Potenzial. Ein gut erarbeitetes Sanierungsgutachten kann weit mehr sein: Es zeigt einen Weg zu einer nachhaltigen Neuausrichtung und ist in vielen Fällen der Wendepunkt auf dem Weg aus der Krise.
Gerade im industriellen Mittelstand verlaufen Krisen selten abrupt sondern entwickeln sich über Jahre . Oftmals unauffällig und stetig, wobei die Ursachen vielfältig sein können:
*Der Wegfall eines Großkunden, auf den ein erheblicher Umsatzanteil entfällt.
*Einbrechende Märkte durch geopolitische Veränderungen oder den Verlust internationaler Wettbewerbsfähigkeit.
*Kostenexplosionen bei Energie, Material oder Logistik, die Margen massiv belasten.
*Fachkräftemangel und Know-how-Verlust, die Innovation und Liefertreue bremsen.
*Fehlende strategische Anpassung, wenn sich Geschäftsmodelle zu langsam an technologische, gesellschaftliche oder regulatorische Veränderungen anpassen.
Viele mittelständische Unternehmen sind insbesondere im Engineering sehr stark, das zeigt z.B. auch die große Anzahl an Weltmarktführern in Deutschland. Sie verfügen jedoch seltener über Konzepte neue Märkte zu suchen und für sich zu öffnen. Ein Einbruch im Hauptmarkt oder der Wegfall eines wichtigen Kunden wirkt sich schnell und massiv aus. In solchen Situationen reicht es deshalb nicht aus, ein eingefordertes Gutachten nur formal zu betrachten sondern es braucht ein echtes Sanierungskonzept und dieses Konzept muss gelebt und umgesetzt werden. Sonst ist keine nachhaltige Verbesserung zu erwarten.
Der formale Rahmen – und seine Grenzen
Der IDWS6-Standard des Instituts der Wirtschaftsprüfer definiert klar, wie ein Sanierungsgutachten aufgebaut sein muss:
*Beschreibung der wirtschaftlichen Ausgangslage und der Krisenstadien,
*Ursachenanalyse und Bewertung der Sanierungsfähigkeit,
*Finanz-, Ertrags- und Vermögensanalyse,
*sowie ein nachvollziehbarer Sanierungsplan mit Maßnahmen, Zeitplan und Erfolgskontrolle.
In der Praxis führt diese Struktur jedoch oft zu einem rein formalen Vorgehen. Zahlen werden gesammelt, Pläne erstellt – aber der unternehmerische Blick nach vorn fehlt. Das Gutachten erfüllt zwar alle formalen Anforderungen, verfehlt aber den eigentlichen Zweck die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens wiederherzustellen.
Das eigentliche Ziel ist die Zukunft zu gestalten, nicht die Vergangenheit zu erklären
Ein Sanierungsgutachten nach IDWS6 sollte keine Dokumentation des Scheiterns sein, sondern der Startpunkt für einen Neuanfang. Die zentrale Frage ist deshalb: " Wie kann das Unternehmen wieder wettbewerbsfähig und resilient werden?“
Gerade im industriellen Mittelstand heißt das, die Ursachen der Krise präzise zu verstehen: Liegt das Problem im Produktportfolio, in der Kostenstruktur, im Vertrieb oder in der strategischen Aufstellung? Welche Märkte bieten künftig Chancen und welche Märkte sollte vielleicht sogar aufgeben?
Ein gutes Gutachten identifiziert deshalb nicht nur Schwächen, sondern formuliert klare Handlungsoptionen und zeigt transparent, welche Maßnahmen wirklich wirken. Es quantifiziert deren Effekte auf Liquidität, Ergebnis und Eigenkapital.
Banken erwarten mehr als ein Pflichtdokument
Auch Banken und Kreditversicherer haben ihre Sichtweise verändert und heute zählen qualitative Faktoren des Managements mehr als früher. Ein formal korrektes, aber inhaltlich schwaches Gutachten überzeugt heute niemanden mehr. Finanzierer wollen erkennen, dass das Management die Krise verstanden hat, handlungsfähig ist und bereit ist, notwendige Entscheidungen zu treffen.
Ein gutes IDWS6-Gutachten liefert deshalb keine Beruhigungspapiere, sondern Umsetzungskonzepte. Es beantwortet Fragen wie:
*Wie kann kurzfristig Liquidität gesichert werden?
*Welche Maßnahmen führen mittelfristig zu struktureller Ertragskraft?
*Welche strategische Neuausrichtung ist notwendig, um künftige Abhängigkeiten – etwa von einzelnen Kunden – zu vermeiden?
Vom Gutachten zur Transformation
Ein überzeugendes Sanierungsgutachten ist der Startpunkt eines Transformationsprozesses. Gerade bei industriellen Mittelständlern, die häufig über sehr hohe technische Kompetenz, aber schwach strukturierte Vertriebs- oder Managementprozesse verfügen, ergeben sich hier enorme Chancen wodurch ein echter Fahrplan zur Sanierung wird:
*Neuausrichtung des Vertriebs auf Zielmärkte und profitable Segmente und heutigen, effizienten Vorgehensweisen
*Modernisierung der Kosten- und Organisationsstruktur
*Stärkung der Führungs- und Kommunikationskultur, um Veränderung zu verankern
*Digitalisierung und Automatisierung, um Effizienz und Transparenz zu erhöhen
*Diversifikation des Kundenportfolios, um Abhängigkeiten zu reduzieren
*Nutzung moderner Marktkommunikation
Typische Stolpersteine
Viele Sanierungsversuche scheitern nicht am Konzept, sondern an der zögerlichen Umsetzung. Fehlende Priorisierung, unklare Verantwortlichkeiten oder zu optimistische Zeitpläne lassen gute Ansätze verpuffen.
Ein wirksames Sanierungskonzept braucht deshalb:
Ehrlichkeit in der Analyse – auch gegenüber sich selbst,
Transparenz gegenüber Stakeholdern
und eine konsequente Umsetzung, die von der Geschäftsführung getragen und aktiv gesteuert wird.
Nur dann kann aus einem Papier ein echter Wendepunkt werden.
Fazit: Die Haltung entscheidet über die Betrachtung als Pflichtübung oder Chance
Ein Sanierungsgutachten ist kein Selbstzweck. Es darf keine Pflichtübung bleiben, sondern muss zum strategischen Werkzeug der Erneuerung werden. Sanierung ist auch keine rein finanzielle Disziplin, sondern eine unternehmerische Aufgabe. Geschäftsmodelle müssen überdacht werden, Führung muss gestärkt und Strukturen müssen modernisiert werden. Dabei sollten immer alle Stakeholder an einen Tisch gebracht werden und Offenheit und Transparenz müssen im gesamten Prozess durchgängig gesichert sein.
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